Zurück Olbers-Planetarium Ein Besuch auf der Sternwarte von Wilhelm Olbers in der Sandstraße 3 beim Bremer Dom
von Dieter Gerdes
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Die Abbildung zeigt einen Teil der Instrumente von Wilhelm Olbers, wie solche auch im Besitze von Schroeter waren. In der Mitte der fünffüßige Dollond, links ein Heliometer von Fraunhofer, rechts eine Pendeluhr von Carstens.
Rechts unten ein kleinerer Cometensucher und ein Sextant für Positionsbestimmungen.

Bis zum Jahre 1798 bewohnte Olbers eines der mehrstöckigen Wohnhäuser in der Sandstraße im Bremer Domviertel und versuchte, so gut es eben ging, aus den oberen Räumen des Gebäudes seine Himmelsbeobachtungen vorzunehmen. Da die Möglichkeiten jedoch begrenzt waren, insbesondere durch die nicht nach allen Himmelsrichtungen freie Sicht, wurde das schon betagte Haus 1799 kurzerhand abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, dessen Ausrichtung und Dimensionen genau geplant wurden. Die Fertigstellung des äußeren Gebäudes erfolgte noch 1799, die Inneneinrichtung wurde im September 1800 fertig gestellt. Vermutlich war Olbers während der Bauzeit bei Senator Gildemeister, dessen Wohnung ca. 300 Meter nördlich lag, untergekommen, wie die Positionsangaben von veröffentlichten Beobachtungen zeigen (genau 4 Sekunden 400/1000 nördlicher).
Zu dieser Zeit gehörte das Altstadtviertel Bremens um den Dom herum noch nicht zur Freien Reichsstadt Bremen, sondern war als ehemals erzbischöfliches Gebiet bis zum Jahre 1803 ein Bestandteil des hannoverschen Herzogtums Bremen. Somit war Wilhelm Olbers ein Staatsbürger des Kurfürstentums Hannover, hatte jedoch zur Erleichterung seiner ärztlichen Tätigkeit in der Hansestadt zusätzlich schon bei der Praxiseröffnung im Jahre 1781 die bremische Staatsbürgerschaft angenommen.
Aus einer ausführlichen Beschreibung, die Franz von Zach in der „Monatlichen Korrespondenz” im Jahre 1801 veröffentlichte, hat Gustav Adolf Jahn im Jahre 1844 in seiner Geschichte der Astronomie eine recht gute Zusammenfassung erstellt.
„Die Sternwarte des 1758 den 11. Oktober zu Arbergen geborenen Dr. Olbers zu Bremen, befindet sich in der Sandstraße 3 (alte Hausnummer) in dem dritten Stock seines 1799 ganz neu erbauten Hauses, dessen südliche Front einen Winkel von 45 Grad gegen die Mittagslinie bildet. Sie besteht aus drei Zimmern und einer zusätzlichen offenen Plattform auf dem Dach, auf welche Instrumente hinausgeschoben werden können, insbesondere das 5-füßige Spiegelteleskop (153 cm Brennweite), welches Schroeter in Lilienthal gefertigt hat. Der Spiegel hat eine Öffnung von 9,6 cm (3 3/4 Zoll). Das erste Zimmer, der eigentliche Observationsraum, ist nach Süden gelegen, aus welchem die meisten und die gewöhnlichen Beobachtungen gemacht werden können, denn aus dieser Stube liegt nicht nur der ganze südliche, sondern auch der nordwestliche und nordöstliche Himmel vollkommen frei, lediglich ein kleiner Teil des nördlichen Horizonts bleibt unsichtbar. Olbers hatte diese ungehinderte und weite Aussicht dadurch zu erreichen gewußt, daß er seine Sternwarte genugsam über die Dächer der benachbarten Häuser erhoben hatte, vor allem aber dadurch, daß er die Fenster des Hauptbeobachtungsraumes in Form von hervorspringenden Erkern und nach auswärts laufenden Bogen bauen ließ. Dadurch wurde bewirkt, daß für die Beobachtungsinstrumente in allen Himmelsrichtungen vor der eigentlichen Hauswand hervorragende Aussichtsflächen entstanden. Im dritten, nach Südwesten gerichteten Fenster des Observationsraumes ist nach oben hin eine Öffnung angebracht, die durch eine Fallklappe geöffnet und geschlossen werden kann. In diesem Zimmer befindet sich eine astronomische Pendeluhr von Carstens in Bremen, ein 9-zölliger Spiegelsextant (23 cm) von Troughton/London mit der Fabrikationsnummer 418 sowie das Olberssche Hauptinstrument, ein sehr guter 5-füßiger Dollond, ein Refraktor von 153 cm Brennweite und 9,5 cm freier Öffnung, mit mehreren Okularen für unterschiedliche Vergrößerungen und sorgfältig angebrachten Mikrometern versehen. Das Stativ ist von Mahagoniholz, die sanften Bewegungen sind sehr bequem mit Schleifröhren (sliding tubes) und mit Rackworth eingerichtet. Bei sehr schönen und heiteren Nächten zeigt dieses Instrument, auf den Planeten Mars, auf Nebelflecke und auf Doppelsterne gerichtet, Bilder von einer ausnehmenden Güte, Klarheit und Bestimmtheit.
Mit diesem ausgesuchten Werkzeuge fertigen Olbers und Gildemeister alle ihre Kometen-Beobachtungen vermittels ganzer Kreis-Mikrometer an. Die Anschaffungskosten in England bei Dollond lagen bei 65 Pfund Sterling, entsprechend 420 Reichsthaler (umgerechnet auf heutige Wertverhältnisse etwa 26.000 DM). Bekanntlich werden die guten achromatischen Beobachtungsinstrumente immer seltener, zugleich auch theurer; das Olbersche verdient unter die wenigen, vorzüglich gerathenen gezählt zu werden. An dieses Beobachtungszimmer stößt unmittelbar ein kleines Cabinett, welches mit zwei Fenstern nach Nordwesten eine vollkommen freie Aussicht über den ganzen ördlichen, aus dem vorher genannten Raum sonst unsichtbaren Himmel gewährt. Somit gibt es keinen Theil des Himmels, der nicht aus dieser vorzüglichen Sternwarte unumschränkt und in alle Himmelsrichtungen beobachtet werden kann. Hier ist für den Beobachter zugleich ein bequemer Ruheort eingerichtet, um des Nachts ohne viele Umstände und ohne große Störung sogleich bereit und umgeben von allen nöthigen Hilfsmitteln, diese auch zugleich zur Hand zu haben. Aus diesem Kabinett tritt man rechts heraus in eine dritte Stube, welches zugleich das Studierzimmer der Sternwarte darstellt. Es hat ebenfalls zwei Fenster nach Nordwesten. Hier befindet man sich zugleich inmitten einer ausgesuchten astronomischen Bibliothek. Vorzugsweise enthält sie die für Beobachtungen notwendigen Werke, die ständig für astronomische und mathematische Zwecke zur Hand sein müssen. Die anderen Räume enthalten die medizinischen und anderen wissenschaftlichen Werke. Das Ganze bildet eine der bequemsten und zweckmäßigsten Sternwarten, welche in Deutschland überhaupt zu sehen sind. Aus dem Vorsaal, vor dem ersten eigentlichen Observationszimmer, führt eine Treppe auf die Plattform des Hauses, wo man unter freiem Himmel eine unbeschränkte Aussicht über die ganze Stadt Bremen und über den ganzen Himmel hat. Das schon oben genannte Schroetersche Spiegelteleskop befindet sich in einem kleinen separaten Schutzraum, zugleich mit einer astronomischen Pendeluhr. Das Teleskop kann leicht auf die Plattform hinausgefahren werden, wobei man den ganzen Himmel durchmustern und zugleich die Schläge der Pendeluhr aus dem kleinen Cabinette hören kann. Dr. Olbers als gewissenhafter Arzt benutzt selten die Tage, sondern immer nur die Nächte zur Ausübung der Sternkunde. Da er diese nur als eine Liebhaberei, zur Freude und zur Erholung nutzt, so ist ein strenger Grundsatz bei ihm, daß seine Berufsgeschäfte nie darunter leiden dürfen. Was die Bibliothek anbetrifft, so ist sie unstreitig eine der vorzüglichsten Privatbibliotheken in Deutschland, vielleicht von anderen an der Zahl der Bände übertroffen, gewiß aber nicht an Schätzen der seltensten Art, die Dr. Olbers im Verlaufe von 50 Jahren mühe- und umsichtsvoll, namentlich in bezug auf sein Lieblingsfach, die Kometenkunde, zusammengebracht hat.”

Nach dem Tode von Olbers am 2. März 1840 wurde die Bibliothek, die nach Aufstellung der Erben über eine Sammlung von 39 ausführlichen Himmelskarten mit dazugehörigen Sternverzeichnissen, 1607 Bände astronomischer Werke und 2715 Abhandlungen bestand, der Sternwarte Pulkowa bei Leningrad verkauft. Aus den Doubletten dieser Bestände, die vom Leiter der Sternwarte, Prof. Wilhelm Struve, durchgesehen wurden, gingen 49 Bände, überwiegend ältere, zum Teil sehr seltene Werke - Hevelius-Ausgaben -, an Prof. Dr. Mädler nach Dorpat zur Vervollständigung seiner dortigen Bibliothek. Weitere 320 Bände gingen an die Sternwarte der St. Wladimir-Universität in Kiew.
Aus weiteren Unterlagen ist zu entnehmen, daß Olbers am 7. Dezember 1815 ein Heliometer mit einem parallaktischen Stativ von Fraunhofer erhielt, welches für die Art seiner Beobachtungen jedoch zu unpraktisch war und daher am 14. Dezember 1825 Prof. Rümcker an der Hamburger Sternwarte überlassen wurde. Ferner besaß Olbers einen guten Fraunhoferschen achromatischen Kometensucher mit einem ausgezeichnet scharfen, großen Gesichtsfeld. Sowie einen nicht achromatischen Kometensucher von Weickhardt, der zwar kein so großes Gesichtsfeld (5 43"), dafür jedoch eine beträchtlich über den Fraunhoferschen liegende Helligkeit aufwies. Nach Verkauf des Heliometers erwarb Olbers von Fraunhofer noch ein weiteres kleineres Fernrohr von 52 Linien Öffnung, ca. 115 mm. Ferner sind noch aufgeführt: ein dreifüßiger Dollond (92 cm Brennweite), einen kleinen Kometensucher von Hofmann seit 1796 (38 mm Durchmesser), je ein Chronometer von Hannecke, Auch und Weiss, eine Pendeluhr von Burckhardt sowie einige kleinere, wenig benutzte Handfernrohre. Zu Positionsbestimmungen diente ein Quecksilberhorizont. Der berühmte Dollond, heute im Besitze der Olbers-Gesellschaft, wird als ein wichtiges Zeugnis der bremischen Wissenschaftsgeschichte im Focke-Museum, gegründet im Jahre 1912 durch Johann Focke, einem Urenkel von Wilhelm Olbers, verwahrt.
Ein noch existierendes Photo des Olbersschen Wohnhauses, welches vielfach wiedergegeben wird, ist etwa im Jahre 1890 aufgenommen worden. Blickrichtung vom Alten Amtsgericht auf die hintere Front der Gebäude in der Sandstraße. Nach dem Besitzerwechsel ist die Plattform auf dem Dach des Hauses schon abgebaut worden, die heraus gebauten Erker sind jedoch vorzüglich zu sehen. Das Gebäude wurde, ca. 150 Jahre alt, nach dem Kriege abgerissen und durch einen modernen Wohnhaus-Neubau ersetzt. Eine Tafel an der Front des Hauses, etwa gegenüber dem jetzigen Amt für Denkmalspflege, weist auf die Position des ehemaligen Olberschen Hauses und auf den Astronomen H.W.M. Olbers hin.

Dieter Gerdes, Lilienthal

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